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Zirkelbrüderaltar

Objektbezeichnung:Flügelaltar
Sachgruppe:7. Altarschreine
Künstler:unbekannter Meister
Ort:Lübeck
Niedersachsen
Datierung:Relief vor 1408, Flügel um 1430
Maße:H: 126,5 cm (Flügel), B: 88 cm (Flügel), H: 127 cm (Mittelschrein), B: 176,5 cm (Mittelschrein), T: 30 cm (Mittelschrein)
Material:Sandstein
Eiche
Technik:Steinbildhauerei (gefasst)
geschnitzt
Mischtechnik (auf Goldgrund)
Die Angehörigen der vornehmsten Lübecker Familien verbanden sich am Ende des 14. Jahrhunderts zur Trinitätsgesellschaft, in deren Emblem ein Zirkel als Symbol der Dreifaltigkeit abgebildet war. Daher wird diese Vereinigung gemeinhin "Zirkelbruderschaft" genannt. Das Zeichen des geöffneten Zirkels in einem Kreis, das auf dem Rahmen des Altars viermal auftaucht, wurde von den Mitgliedern an einer Kette getragen, um die Zugehörigkeit zu dieser angesehenen Bruderschaft öffentlich zu dokumentieren. Sie war gekennzeichnet durch elitäres, ständisches Denken und politischen Führungsanspruch; die religiöse Zielsetzung trat dahinter zurück, obwohl die Zirkelgesellschaft durchaus auch reiche Pröven (1) spendete. 1379 schloß sie einen Verbrüderungsvertrag mit den Franziskanern, denen sich die vornehmsten Familien der Stadt verbunden fühlten, da dieser Orden im Gegensatz zu den Dominikanern enge Beziehungen zum Rat pflegte. Die Zirkelbrüder unterhielten in der Katharinenkirche eine große Kapelle links neben dem Westportal. Die vier Wappen auf den Rahmenleisten des Retabels weisen den Altar als Stiftung der Familien Meteler, von Wickede, Brömse und von Rentelen aus, die bei der Neukonstituierung der Zirkelgesellschaft 1429 im Mitgliederverzeichnis gemeinsam genannt werden.
Die biographischen Daten der Stifter, die historischen Fakten zur Trinitätsgesellschaft und stilistische Gründe erlauben eine annähernde Datierung des Schreins und der Flügel in die Zeit um 1405 und 1430. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde der Altar in das Schwartauer Siechenhaus überführt.

Die Zirkelbrüder wählten für den Mittelschrein ihres Altars ein für Lübeck ungewöhnliches Material. Westfälischer Sandstein wurde anstelle des üblichen Holzes verwendet und in einen Eichenkasten eingepaßt. Aus einem einzigen Steinblock sind die Motive herausgearbeitet. Die Szenenfolge beginnt rechts: Aus dem italienisch anmutenden Stadttor, geschmückt mit Christophorus, dem Schutzheiligen der Wege, tritt der kreuztragende Christus, dem Simon von Cyrene hilfreich zur Seite steht. Die nun folgende Hauptszene, der Kalvarienberg, ist rechts und links durch Fels- und Vegetationsformen abgetrennt, in die sich allerlei Getier eingenistet hat. Allein das Kreuz Christi wird dargestellt ohne die beiden Schächer. Engel fangen das herabfließende Blut in liturgischen Kelchen auf, ihre Köpfe wurden vermutlich schon zur Zeit der Reformation abgeschlagen. Rechts sind die Szenen der Grablegung und der Auferstehung übereinander angeordnet und jeweils durch einen geflochtenen Weidenzaun in sich abgegrenzt. Ein goldgestirnter blauer Himmel überwölbt das Passionsgeschehen.
Die Gestaltung des Schreins erweckt den Eindruck einer Guckkastenbühne, eine Assoziation, die noch durch die skurrilen, marionettenhaft wirkenden Figuren unterstrichen wird. Dazu trägt auch die farbige Fassung bei, die wohl im 17. Jahrhundert erneuert wurde. Der Reichtum der Gestaltung zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen in der liebevollen Ausschmückung durch erzählerische Einzelheiten, deren Bedeutung sich dem heutigen Betrachter nicht eindeutig erschließt. So mögen die Tiere, die den Kalvarienberg unterwühlen, auch ein Symbol des Bösen sein (Gephardt).

Die im Gegensatz zur Lübecker Tradition gemalten Flügel der Festtagsseite, die durch plastisch modellierte Rosettenbänder in einzelne Bildfelder geteilt werden, sind später an den Mittelschrein angefügt. Sie sind dem Marienzyklus gewidmet, der im wesentlichen auf dem Lukasevangelium, den apokryphen Schriften (Protevangelium des Jakobus und Pseudomatthäus) und der Legenda aurea beruht. Die Lesefolge beginnt mit der Verkündigung oben links. Es folgt die Heimsuchung, d.h. der Besuch Marias bei ihrer Base Elisabeth, die ebenfalls schwanger ist. Marias Gang durchs Gebirge wird durch baumbestandene Berghänge an den Rändern der Szene angedeutet. - Daran schließt sich die Geburt Christi im Stall an, der nur durch die Krippe mit Ochs und Esel angedeutet wird. Kontrastiv dazu wirkt die mit chinesischen Greifenmustern geschmückte Bettdecke auf dem Lager, deren Glanz dazu dient, das außergewöhnliche Ereignis der Geburt des Herrn herauszustellen. Durch den Flechtzaun, hinter dem drei Bäume symbolhaft die Landschaft andeuten, wird die Darstellung mit dem Motiv des "Hortus conclusus", des geschlossenen Gartens, verbunden, der ein Symbol für die Jungfräulichkeit Mariens ist. Die Feierlichkeit der Szene wird durch das Genremotiv des Brei kochenden Josephs aufgelockert. - Auf der Tafel daneben drängen sich die anbetenden Heiligen Drei Könige auf kleinem Bildraum. Joseph im Hintergrund packt eilfertig die kostbaren Geschenke in einen Weidenkorb - ein Motiv, das im frühen 15. Jahrhundert verschiedentlich verwendet wird.
Rechts oben beginnt die Szenenfolge mit der Darstellung Christi im Tempel, die schon in der alten Kirche als Lichterfest gefeiert wird, wie die herbeigetragene Kerze veranschaulicht. Die greise Prophetin Hanna begleitet Maria und das Kind und bringt anstelle von Maria zwei Täubchen als Opfergabe zum Altar. - Auf der Tafel daneben suchen die Eltern den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Er sitzt im Kreise der Schriftgelehrten, in deren Büchern hebräische Schriftzeichen zu lesen sind. - An diese Szene schließt sich der Tod Mariens im Kreise der Jünger an. - Der Zyklus wird abgeschlossen durch die Erhöhung und Krönung der Gottesmutter im Himmel.
Alle Szenen sind von traditionellem Goldgrund hinterfangen, die Landschaft wird nur durch einzelne Symbole angedeutet. Die Malerei besticht durch die in kostbarer Lüsterfassung (2) wiedergegebene flächenhafte Ornamentik der Gewänder. Schmuckelemente, wie Ziborienkelche und Kronen, sind rein graphisch aufgefaßt, während die Gesichter durch Farbschattierungen plastisch modelliert hervortreten.
Die mittelalterliche Malerei der Rückseite ist nicht mehr erhalten. Sie wurde im 18. Jahrhundert durch eine Darstellung der Grablegung und der Auferstehung ersetzt.

Der Meister des Mittelschreins hat ebenfalls die Steinreliefs im Ratzeburger Dom, in Schwerin und Anklam angefertigt. Über die Herkunft der Werkstatt ist nichts bekannt, sie mag in Westfalen (Paatz), eventuell aber auch in den Niederlanden zu suchen sein (Nieuwdorp).
Die Malerei hingegen weist eindeutig auf einen westfälisch geschulten Meister hin. Die Motive orientieren sich an Conrad von Soests Wildunger Altar, ohne daß ein direkte Übernahme nachzuweisen ist. Außerdem scheint hier eine über mehrere Zwischenstufen vermittelte Kenntnis böhmischer Malerei nachzuwirken.
Das Flügelretabel enthält keinerlei Maßwerk und Bekrönung, wird aber durch geschnitzte und stuckierte Rahmenleisten kostbar gestaltet.

1 Spenden in Naturalien
2 Lüsterfassung: transparenter farbiger Überzug auf Metallgrund (Blattgold oder Blattsilber)

Heise/Vogeler 1993, Kat. Nr. 3

Literatur:
  • Albrecht, Uwe: Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur in Schleswig-Holstein, 1 Hansestadt Lübeck, St. Annen-Museum, Kiel: Verlag Ludwig, 2005
  • Hasse, Max: Lübecker Museumsführer, I Die sakralen Werke des Mittelalters, Sankt Annen-Museum, Lübeck, 1970 (1964)
  • Denkmalrat: Die Klöster (Die Bau und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck, IV), Lübeck, 1928
  • Pescatore, Anni: Der Meister der bemalten Kreuzigungsreliefs, Straßburg, 1918
  • Paatz, Walter: Die lübeckische Steinskulptur der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Veröffentlichungen zur Geschichte der Freien und Hansestadt Lübeck, IX), Lübeck, 1929
  • Paatz, Walter: Prolegomena zu einer Geschichte der deutschen spätgotischen Skulptur im 15. Jahrhundert, in: Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 2, Heidelberg, 1956
  • Paatz, Walter: Westfalen im hansischen Kunstkreis, in: Westfalen, XXXVI, 1958, S. 41-57
  • Pieper, Paul: Das Westfälische in Malerei und Plastik (Der Raum Westfalen, IV), Münster, 1964
  • Stange, Alfred: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer, I, München, 1967
  • Wehrmann, Carl Friedrich: Das Lübeckische Patriziat, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, V, 1888, S. 293-392
  • Brehmer, Wilhelm: Verzeichnis der Mitglieder der Zirkelkompanie, nebst Angaben über ihre persönlichen Verhältnisse, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, V, S. 393-454
  • Wittstock, Jürgen: Kirchliche Kunst des Mittelalters und der Reformationszeit. Die Sammlung im St. Annen-Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, I (Lübecker Museumskataloge), Lübeck, 1981
  • Hauschild, Wolf-Dieter: Kirchengeschichte Lübecks. Christentum und Bürgertum in neun Jahrhunderten, Lübeck, 1981
  • Nieuwdorp, Hans: Het 14de-eeuwse gebeeldhouwdw retabel in de O.-L.-Vrouwekathedraal te Antwerpen, in: Bulletin des Musées royaux d'art et d'histoire, 57, 1986, S. 7-24
  • Gephardt, Christoph: Der tierreiche Kalvarienberg., 25, in: Waltende Spur. Festschrift für Ludwig Denecke zum 85. Geburtstag (Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft), Kassel, 1991, S. 34-100
  • Heise, Brigitte / Hildegard Vogeler: Die Altäre des St. Annen-Museums, Lübeck, 1993
  • Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck: Meisterwerke aus acht Jahrhunderten, München, Berlin, 1989
  • Gaedertz, Theodor: Der Altarschrein der vormaligen Siechenhauskapelle in Schwartau, in: Mitteilungen des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumakunde, Heft 2, Nr. 11, 1886, S. 168-172
  • Münzenberger, E.F.A. / S. J. St. Beissel: Zur Kenntniß und Würdigung der Mittelalterlichen Altäre Deutschlands, 2, Frankfurt a.M., 1895-1905
  • Goldschmidt, Adolph: Lübecker Malerei und Plastik bis 1530 (Diss.), Lübeck: Max Schmidt, 1889
  • Goldschmidt, Adolph: Lübecker Malerei und Plastik bis 1530, Lübeck: Verlag von Bernhard Nöhring, 1889
  • Matthaei, Adelbert: Zur Kenntnis der mittelalterlichen Schnitzaltäre Schleswig-Holsteins, Leipzig, 1898
  • Paul, Max: Sundische und lübische Kunst (Diss.), Berlin, 114
  • Struck, Rudolf: Beiträge zur lübeckischen Kunstgeschichte, I, in: Mitteilungen des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Heft 13, Nr.7-8, 1918, S. 109-142
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  • Heise, Carl Georg: Lübeckische Plastik und Malerei, in: Lübecker Heimatbuch, Lübeck, 1926, S. 206-250
  • Struck, Rudolf: Materialien zur lübeckischen Kunstgeschichte, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, XXIII, 1926, S. 207-289
  • Heise, Carl Georg: Lübecker Kunstpflege 1920-1933, Lübeck, 1934
  • Heise, Carl Georg: Fabelwelt des Mittelalters, Berlin, 1936
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  • Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik, III Die Zeit von 1400 bis 1450, Berlin, 1938
  • Tångeberg, Peter: Mittelalterliche Holzskulpturen und Altarschreine in Schweden, Stockholm, 1986
  • Karrenbrock, Reinhard: Baumberger Sandstein: Ausstrahlung westfälischen Kunstschaffens in den Ostseeraum, in: Die Hanse, 1, Hamburg, 1989, S. 497-505
  • Vogeler, Hildegard: Madonnen in Lübeck, Lübeck, 1993
  • Dünnebeil, Sonja: Die Lübecker Zirkel-Gesellschaft (Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck , Reihe B, 27), Lübeck, 1996
  • Albrecht, Anna Elisabeth: Steinskulptur in Lübeck um 1400 (Diss.), Berlin, 1997
  • Habicht, Victor Curt: Aus der Bildhauerwerkstatt Meister Franckes, in: Zeitschrift für Bildende Kunst, Jg. 50 (N.F. Jg. 26), 1914-1915, S. 231-234
  • Struck, Rudolf: Conrad von Soest und die Lübecker Malerei im Beginn des 15. Jahrhunderts, in: Kunstchronik, N.F., Jg. 27, Nr. 43, 1915-1916, S. 427-434
  • Dexel-Brauckmann, Grete: Lübecker Tafelmalerei in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 19, Heft 1, 1917, S. 1-37
  • Der Altar in der Kapelle zu Schwartau, in: Vaterstädtische Blätter, Jg. 25, Nr. 19 (Altes und Neues aus Lübeck. Lübecker Woche. Illustrierte Unterhaltungsbeilage der Lübecker Anzeigen), 1921, S. 73-75
  • Heise, Carl Georg: Bericht der Kulturhistorischen und Kunstsammlungen über das Geschäftsjahr 1926/1927, in: Lübeckische Blätter, Jg. 69, Nr. 30, 1927, S. 524-526
  • Schröder, Hans: Der Altar der Zirkelgesellschaft im St.-Annen-Museum, in: Lübeckische Blätter, g. 79, Nr. 42, 1937
  • Pieper, Paul: Eine westfälische Bildhauerwerkstatt am Anfang des 15. Jahrhunderts, in: Westfalen, 2, 1939, S. 56-79
  • Kieckbusch, Hans: Der Schwartauer Altar, in: Jahrbuch für Heimatkunde, Eutin, 1978, S. 24-30
  • Jacobsen, Werner: Der Altar der Zirkelbrüder in Lübeck, in: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, 1, 1985, S. 403-408
  • Erdmann, Wolfgang: Zum Altar der Zirkelbrüder aus der Franziskanerkirche St. Katharinen zu Lübeck, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 66, 1986, S. 275-280
  • Karrenbrock, Reinhard: Kleinodien aus Westfalen, versandt über das Meer, in: Westfälische Steinskulptur des späten Mittelalters 1380-1540, Unna, 1992, S. 55-78
  • Fink, Georg: Die Frage des lübeckischen Patriziates im Lichte der Forschung, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 29, Heft 2, 1983, S. 257-279

Inventarnummer: 1926-312

Signatur: Inschrift (Kreuzigungsszene (Schrein), Schriftband des Guten Hauptmanns: Vere filius Dei erat homo iste (Mk. 15, 39))

Abbildungsrechte: St. Annen-Museum


Ikonographie:     
Kreuztragung
     
Kreuzigung
     
Grablegung Christi
     
Auferstehung Christi
     
Christophorus
     
Verkündigung der Geburt Christi
     
Heimsuchung
     
Geburt Christi
     
Anbetung durch die Heiligen Drei Könige
     
Darbringung des Christuskindes im Tempel
     
Marientod
     
Marienkrönung