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Warendorp-Altar

Objektbezeichnung:Flügelaltar
Sachgruppe:7. Altarschreine
Künstler:unbekannter Meister
Ort:Lübeck
Datierung:um 1340, Malerei um 1400
Maße:H: 117 cm (Flügel), B: 58 cm (Flügel), T: 9,5 cm (Flügel), H: 117 cm (Mittelschrein), B: 116,5 cm (Mittelschrein), T: 10,5 cm (Mittelschrein)
Material:Eiche
Technik:geschnitzt
gefasst
Malerei (auf Goldgrund)
Der Warendorp-Altar ist der älteste überlieferte Lübecker Flügelaltar. Aus dem Nachlaß des Domherrn Johannes von Warendorp wurde 1372 im Dom eine Vikarie zu Ehren Gottes, der Jungfrau Maria und aller Heiligen eingerichtet. Wohl kurz danach enstand der Altar für die Familienkapelle im südlichen Seitenschiff. So ist in der kleinen Stifterfigur, die im geistlichen Gewand zu Füßen des Gekreuzigten kniet, vermutlich Johannes von Warendorp zu erkennen.
Die Widmung der Vikarie ist in das Bildprogramm der Festtagsseite umgesetzt: Der linke Flügel zeigt die Jungfrau Maria, der die Geburt des Herrn durch den Engel verkündet wird; die beiden männlichen Figuren auf dem rechten Seitenflügel stehen stellvertretend für alle Heiligen. Von ihnen ist nur Philippus durch das Doppelkreuz eindeutig zu identifizieren.
Die Mitteltafel stellt die Kreuzigung Christi durch die Tugenden dar, ein Thema, das der Geisteshaltung der Mystik entstammt und besonders im 13. und 14. Jahrhundert vielfach verbreitet war. Entscheidend für die bildliche Darstellung ist die Osterpredigt des Bernhard von Clairvaux (1091-1153), in der die uneingeschränkte Liebe zum leidenden Christus und die Bereitschaft, ihm nachzufolgen, im Mittelpunkt steht. Die vier christlichen Tugenden, Geduld (patientia), Demut (humilitas), Gehorsam (oboedientia) und Liebe (caritas), sind Teil des Wesens Christi und befähigen ihn, sein Leiden anzunehmen. Sie werden durch gekrönte Jungfrauen personifiziert, die ihm die Kreuzeswunden zufügen. So hat der Beschauer die Möglichkeit, durch die Versenkung in das Bild des Gekreuzigten und der Tugenden selbst die Kraft zur Hingabe zu gewinnen.
Die beiden Seitenflügel sind ebenfalls dieser theologischen Aussage zuzuordnen. Demut und Gehorsam zeichnen auch Maria aus, als sie die Botschaft des Engels empfängt, die am Beginn des Heilsplans Gottes, der Welt den Erlöser zu senden, steht. Vermutlich bestimmt auch der Gedanke der imitatio Christi, der in der Mystik eine besondere Rolle spielt, die Auswahl der Heiligen. Philippus erlitt ebenfalls den Tod am Kreuz und folgt darin Christus nach. Da die zweite Figur nicht durch Attribute gekennzeichnet ist, kann nicht gesagt werden, ob dieser Heilige die imitatio Christi in gleicher Weise vollzog.
Die Inschrift, die noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf der unteren Rahmenleiste der Mitteltafel zu lesen war(1), unterstrich die Heilswirkung des Erlösungstodes Christi:
" Vulneribus quinis nos erue Christe ruinis / Vulnera quinque dei sint medicina mei" (Durch die fünf Wunden entreiß uns, Herr, dem Verderben / Die fünf Wunden meines Gottes sollen mein Heilmittel sein).
Die großformatigen Figuren der trauernden Maria und des Johannes rahmen in üblicher Weise die Kreuzigung ein.

Die Festtagsseite ist als Relief gestaltet. Jede Figur steht für sich, nur der mit Gräsern bemalte Rasenstreifen - Symbol für Landschaft - stellt als gemeinsame Standfläche eine Verbindung her. Alle Gestalten werden von einem klaren, nur durch die punzierten Nimben strukturierten Goldgrund hinterfangen, der die himmlische Sphäre des Geschehens spiegelt. Die Pfauenflügel des Engels Gabriel, die auf diesen Grund gemalt sind, weisen ihn als göttlichen Boten aus. Streng gehaltene Maßwerkbögen überwölben die Szenen.

Von der ursprünglichen Bemalung der geschlossenen Flügel ist nichts mehr vorhanden. Sie wurde bereits im frühen 15. Jahrhundert durch folgende Darstellungen ersetzt: Christus in der Vorhölle, Christi Himmelfahrt, Tod Mariens und die Ausgießung des Hl. Geistes (Pfingsten). Alle diese Szenen sind nur noch fragmentarisch erhalten.

1 Jacob von Melle, Entwurf zur Lubeca religiosa, zitiert nach BuKD III, S. 134

Heise/Vogeler 1993, Kat.Nr. 2

Literatur:
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  • Hasse, Max: Lübecker Museumsführer, I Die sakralen Werke des Mittelalters, Sankt Annen-Museum, Lübeck, 1970 (1964)
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  • Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik, II Die Zeit von 1350 bis 1400, Berlin, 1936
  • Wentzel, Hans: Lübecker Plastik bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Berlin, 1938
  • Stange, Alfred: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer, I, München, 1967
  • Legner, Anton: Die Parler und der schöne Stil 1350-1400, Köln, 1978
  • Korn, Ulf Dietrich: Kloster Wienhausen. Die Glasmalereien, Kloster Wienhausen, 1975
  • Kraft, Heike: Die Bildallegorie der Kreuzigung Christi durch die Tugenden (Diss.), Berlin, 1976
  • Wittstock, Jürgen: Kirchliche Kunst des Mittelalters und der Reformationszeit. Die Sammlung im St. Annen-Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, I (Lübecker Museumskataloge), Lübeck, 1981
  • Schiller, Gertrud: Die Passion Christi, in: Ikonographie der christlichen Kunst, 2, Gütersloh, 1966, S. 149-152
  • Koch, Eva Maria: Die Kreuzigung mit Tugenden, in: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart, 54, 1986, S. 9-21
  • Heise, Brigitte / Hildegard Vogeler: Die Altäre des St. Annen-Museums, Lübeck, 1993
  • Kunst-Topographie Schleswig-Holstein (Die Kunstdenkmäler des Landes Schleswig-Holstein, hrsg. von Hartwig Beseler), Neumünster, 1989 [1969]
  • Lotz, Wilhelm: Kunst-Topographie Deutschlands, 1: Norddeutschland (Statistik der deutschen Kunst des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts. Mit specieller Angabe der Literatur, 1), Kassel, 1862
  • Goldschmidt, Adolph: Lübecker Malerei und Plastik bis 1530 (Diss.), Lübeck: Max Schmidt, 1889
  • Goldschmidt, Adolph: Lübecker Malerei und Plastik bis 1530, Lübeck: Verlag von Bernhard Nöhring, 1889
  • Schaefer, Karl: Frühwerke der Plastik und Malerei des 15. Jahrhunderts, in: Jahrbuch des Museums für Kunst und Kulturgeschichte zu Lübeck, 1, 1913, S. 7-24
  • Paul, Max: Sundische und lübische Kunst (Diss.), Berlin, 114
  • Struck, Rudolf: Beiträge zur lübeckischen Kunstgeschichte, I, in: Mitteilungen des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Heft 13, Nr.7-8, 1918, S. 109-142
  • Habicht, Victor Curt: Die mittelalterliche Malerei Niedersachsens, I Von den Anfängen bis um 1450 (Beiträge zur niedersächsischen Kunstgeschichte, 4), Straßburg, 1919
  • Roosval, Johnny: Medeltida skulptur i Gotlands Fornsa, Stockholm, 1925
  • Heise, Carl Georg: Lübecker Plastik, Bonn, 1926
  • Heise, Carl Georg: Lübeckische Plastik und Malerei, in: Lübecker Heimatbuch, Lübeck, 1926, S. 206-250
  • Martens, Friedrich Adolf: Meister Bertram, Berlin, 1936
  • Wentzel, Hans: Das Taufbecken des Beno Korp und einige verwandte Skulpturen in Schweden und Norddeutschland, in: Fornvännen, Jg.33, Heft 3, 1938, S. 129-154
  • Hasse, Max: Der Flügelaltar (Diss.), Dresden, 1941
  • Wildenhof, Hilka: Der Wandel des Schnitzaltares vom letzten Drittel des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des Weichen Stils ( Diss.), Frankfurt a.M., 1974
  • Hasse, Max: Rez. von Wittstock, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 62, 1982, S. 279-284
  • Zaske, Nikolaus / Rosemarie Zaske: Kunst in den Hansestädten, Leipzig, 1985
  • Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck: Das Schöne soll man schätzen, Lübeck, 1987
  • Bonsdorff, Jan von: Die mittelalterliche Holzskulptur in Schleswig-Holstein - ein Forschungsprojekt, in: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung, Jg.9, Heft 2, 1995, S. 313-326
  • Jacobsson, Carina: Höggotisk träskulptur i gamla Linköpings stift, Visby - Uddevalla, 1995
  • Brandenburgischer Provinzialverband: Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, 7, Berlin, 1928
  • Becksmann, Rüdiger / Ulf Dietrich Korn: Die mittelalterlichen Glasmalereien in Lüneburg und den Heideklöstern, Berlin1992
  • Wolf, Norbert: Überlegungen zur Entstehung, Funktion und Verbreitung der deutschen Schnitzretabel des 14. Jahrhunderts, in: Figur und Raum, Berlin, 1994
  • Becksmann, Rüdiger: Deutsche Glasmalerei des Mittelalters., 1: Voraussetzungen, Entwicklungen, Zusammenhänge, Berlin, 1995

Inventarnummer: 1948-133

Signatur: Inschrift (untere Rahmenleiste des Schreins (verloren): Vulneribus quinis nos erue Christe ruinis / Vulnera quinque dei sint medicina mei)

Signatur: Inschrift (Spruchband, Verkündigungszene: ave gracia plena)

Abbildungsrechte: St. Annen-Museum


Ikonographie:     
Kreuzigung
     
der gekreuzigte Christus mit Maria und Johannes
     
Tugenden
     
Verkündigung der Geburt Christi
     
Apostel
     
Christi Himmelfahrt
     
Christus in der Vorhölle
     
Pfingsten: Ausgießung des Heiligen Geistes
     
Marientod
     
historische Person