Café Cheong Shing ("Große Mauer") in der Großen Freiheit 24-26
"Das „Chinesenviertel“ in den 1920er Jahren
“Seit 1919“, heißt es in einem Polizeibericht von 1922, „ziehen Chinesen niederen Standes hier in ständig wachsender Zahl zu.“ Auffallenderweise kamen viele chinesische Seeleute aus englischen Hafenstädten wie London und Liverpool nach Hamburg, besuchten hier offiziell Verwandte und eröffneten wenig später eine eigene Gaststätte in St. Pauli. In dem Netzwerk chinesischer Seeleute sprachen sich die wirtschaftlichen Chancen in Hamburg herum, denn aufgrund der Inflation in Deutschland waren Ausländer im Besitz von Devisen vergleichsweise vermögend. In der Schmuckstraße eröffneten mehrere Lokale, ein Tabakladen, in der angrenzenden Vergnügungsmeile Große Freiheit öffneten zwei Lokale, das Neu-China und das Café und Ballhaus Cheong Shing (Große Mauer), die angesichts ihrer ungewöhnlichen proto-„multikulturellen“ Atmosphäre auch überregional bekannt werden sollten.
Die Hamburger Polizei brandmarkte die chinesische Migration – die mit 100 bis 200 chinesischen Männern ein sehr überschaubares Phänomen bleiben sollte – als „Landplage“ und beschwor eine sanitäre Gefährdung für die Hamburger Bevölkerung. Sie verdächtigte die Chines:innen notorisch kriminell zu sein und Schmuggel insbesondere mit Opium zu betreiben. In St. Pauli kursierte Mitte der 1920er Jahre sogar das Gerücht, die Chines:innen hätten ein geheimes Tunnelsystem ausgegraben, um unerkannt ihren dunklen Geschäfte nachzugehen. Dies entbehrte natürlich jeglicher Grundlage, wie bereits zeitgenössisch in der Presse zu lesen war. Dieses Gerücht illustriert aber sehr anschaulich, wie sehr die Hamburger:innen ihre Phantasie gegenüber dem Chinesenviertel freien Lauf ließen.
Der Hamburger Heimatdichter Ludwig Jürgens charakterisierte die Schmuckstraße in seiner Broschüre „Sankt Pauli. Bilder aus dem fröhlichen Leben“ wie folgt:
„Haus bei Haus in der Schmuckstraße ist von der gelben Rasse bewohnt, jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen. Die Fenster sind dicht verhängt, über schmale Lichtritzen huschen Schatten, kein Laut dringt nach außen. Alles trägt den Schleier eines großen Geheimnisses. Geht ein Mensch über die Straße, vielfach mit kurzen, abgehackten Schritten, so ist es ein Chinese, eine Tür klappt irgendwo und er ist verschwunden. Niemand weiß, was diese Menschen unter sich in den Wohnungen treiben.“
Ludwig Jürgens steht stellvertretend für den exotistischen Blick, der chinesische Seeleute und Migrant:innen auf „Fremde“ reduzierte. Dabei war das Chinesenviertel keineswegs abgeriegelt. Im Gegenteil, weil die chinesische Migration zu dieser Zeit ausnahmslos männlich war, existierten nicht wenige chinesisch-deutsche Paare. Vor allem Gastwirte, die mehrere Jahre in St. Pauli lebten und sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten, lebten in der Regel mit einer deutschen Frau zusammen. ..."
Zitat aus: Von China auf die Große Freiheit.
Chinesische Migration in Hamburg im 20. Jahrhundert.
Autor: Lars Amenda
https://hamburg-global.de/v1.0/placemarks/91
Der Zuschnitt der Stadtgrenzen, der Bezirke und Ortsteile von und in Hamburg, Altona, Harburg, etc. unterlag und unterliegt fortwährender Veränderungen. Die hier erfolgten Ortsbestimmungen (Hamburg-St. Pauli, -Altona, -Eimsbüttel, Altona) beziehen sich auf die Verhältnisse zum Zeitpunkt der Aufnahme.
Bis zum in Kraft treten des sogenannten „Groß-Hamburg-Gesetzes“ von 1937 waren die Orte Altona (Elbe), Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek selbständige Preußische Großstädte.